schräg

Foto: Tim-David Specht/insta: specht_perspektive
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Ich sitze mit wunderbarem Ausblick auf Schneefelder und blauen Himmel und lese Shauna Niequists "Present over Perfect". Und denke an Yoga.

Nach einer Yogastunde, Vinyasastil, fließend, kraftvoll mit Schweiß im Gesicht, auf meiner dunkelroten Yogamatte, blümerante Yogaleggings an meinen Beinen, die den Frühling herbeiwünschen und merke:
„Mist, wie schräg bin ich eigentlich?!“
Ich meine jetzt nicht, eine abgedrehte Crazyness, innerlich verrückt oder so - das steht außer Frage, eher wirklich anatomisch schräg. Die eine Schulter höher als die andere. Meine Wirbelsäule mehr oder weniger gerade ausgerichtet. Eine Po-Seite sitzt ganz auf der Matte, die andere hebt leicht ab, ein Knie locker und das andere hängt irgendwo in der Luft. Und wenn ich höher Richtung Gesicht gehe, merke ich, noch mehr Schrägheit. Noch mehr Asymmetrie. Eine Augenbraue höher als die andere, Lippen haben auch eine hohe und tiefere Seite...wie schäg bin ich eigentlich?

Je mehr ich sitze und versuche auszugleichen, was auszugleichen wäre,
desto bewusster wird mir die eigene Unausgeglichenheit.
Meine Assymmetrie.
Deswegen liebe ich Yoga. Unter anderem.
Je mehr ich mich anstrenge auszugleichen, zu drängen,
zu schieben und drücken, desto schräger und vor allem verkrampfter und angespannter werde ich.
Vielleicht ist das Teil des Geheimnisses rund um die Paradoxie des Loslassens?

Loslassen. Mehr Atmen und noch mehr Ausatmen. Mehr Akzeptanz für die Schrägheit. Meine Realität. Mein asymmetrisches Dasein und Leben. Hat weniger Drängen und Pushen, mehr Loslassen und Lockerlassen Ausgeglichenheit zur Folge?!

Meine Gesichtszüge weniger beherrschen und kontrollieren wollen,
auch meinen Hintern, meinen Bauch mit der ganzen Körpervorderseite weniger verkrampft in Form bringen wollen, stattdessen mehr Loslassen.
und dabei Ausgleich finden?!

 

Vielleicht ist die Paradoxie des Loslassens auch für mein Inneres hilfreich. Nicht nur für Außen, die Anatomie, die "bare-bones-Physiologie".

Weniger Wollen wollen für meine Seele.
Mehr Entlassen und Entlasten für mein Herz.

Foto: Tim-David Specht/insta: specht_perspektive
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 Oft mache ich folgenden Denkfehler: Stift in der Hand und Liste vor mir. Wenn ich jetzt alles notiere, aufliste, organisiere und filigran plane, alles festhalte, dann habe ich es im Griff. Ich denke, ich hätte es in der Hand. Habe Kontrolle. Habe Sicherheit.
Und genau da liegt ein Fehler: Das Leben ist nicht gradlinig, sondern schräg. Und ich bin es auch. Es kommt wie es kommt, und nicht wie ich es notiere und plane. Den Stift habe ich in der Hand. Fest im Griff. Nicht das, was ich notiere.
Die Kinder werden krank, der Wochenplan wird schräg.
Ich selbst werde krank und mein Jahresplan wird brutal schräg.
Mein Kollege fällt aus, ich springe ein. Oder niemand springt ein. Schräg.
Meine Liste, mein Plan, mein Notiertes ist zwar schön, aber nicht Realität.
Meine These ist: Schräg ist Realität.

Was mir Sicherheit gibt und ein Lachen schenkt, ist der Gedanke, dass ich schräg bin. Ziemlich schräg. Innen wie Außen. Herrlich schräg. Und mal schräger und mal gerader. Mal bewusster und mal unbewusster.
Es könnte sogar sein, dass meine Schrägheit Standard ist.


Es gibt da ein Buch mit dem Titel „Everybody's normal '´til you get to know him“. Das bringt es auf dem Punkt.
Vielleicht steht dieser Gedanke mal über meiner neuen Woche?
Meinem neuen Wochenplan? Als Kopf- und Fußzeile?

Paradoxie des Loslassens:
Balance und Ausgeglichenheit finde ich, wenn ich um meine Asymmetrie und Schrägheit weiß, sie lieeebe und annehme. Je bewusster ich loslasse, desto gerader und stabiler, desto sicherer werde ich.

Vielleicht nehme ich mir nach meinem nächsten Workout, Pilates, Yoga, Youtube-Training, nach meiner nächsten Was-auch-immer-Session, nach 11 km Laufen oder 2km Schwimmen, einzwei Minuten Zeit um lautstark über meine körperliche Unausgeglichenheit zu lachen und meine innere Schrägheit zu feiern?!

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Sarah (Donnerstag, 28 Februar 2019 13:22)

    Wunderbar schräg!!!

  • #2

    Veronika (Dienstag, 05 März 2019 21:27)

    Oh ja, die Schrägheit kenne ich! Toller Text...